Worldbuilding: das Schwarze Salz des Nídis

Zum ersten Mal sahen sie ihn in den frühen Morgenstunden, von einem schroffen Felskamm aus. Die Karren hielten an, und Hans Haferhaar schlug ein kleines Glöckchen, damit sie den Anblick nicht verpassten. Sam verschlug er die Sprache. In den ersten blassgoldenen Strahlen der aufgehenden Sonne schimmerte das tiefschwarze Wasser des gewaltigen Sees wie polierter Obsidian, das sich nach Süden hin so weit das Auge reichte, wie ein glänzendes Eisenglasmesser in das graue, zerklüftete Land schnitt, schlank und scharf, und in eine Scheide orange glühenden Nebels ge hüllt, der in der Morgensonne dahinschmolz und langsam den Blick auf die Berge am jenseitigen Ufer freigab. Ein Gipfel ragte besonders heraus, dunkel und scharfkantig, schwarz wie Ruß und als einziger nicht von Schnee bedeckt. Das musste der Nídis sein.
Der Schwarzsalzberg.

Die kostbarste Substanz auf dem gesamten Großkontinent ist wohl ohne Zweifel das Schwarze Salz des Nídis. Im Jahre 1877 n. L. bezahlt man auf den Märkten von Kharras, Pont und Mohns für ein Pfund schwarzes Nídissalz enorme Preise; zwei kharresische Goldgulden, was mindestens 400 errischen Silberdeniers oder etwa 800 (meist mehr) nordischen Kupferkönigen gleichkommt.

Händler und Kaufleute rechtfertigen diese gewaltigen Summen untereinander und gegenüber ihren betuchten Kunden mit der einzigartigen samtschwarzen Farbe, der angeblich wohltuenden und belebenden Wirkung, die Leben und Gesundheit erhalten soll, den Kosten des Transports aber vor allem mit der einmaligen geschichtsträchtigen Seltenheit. Echtes Schwarzsalz gibt es nämlich auf der ganzen Welt nur an einem einzigen Ort: in den Minen am Askensee.

 Beschreibung

Das Salz des Nídis besitzt eine tiefe, samtene Schwärze, satt und bar jeder Verunreinigung, wenn es einmal gesäubert und vom Schmutz des Abbaus befreit ist. In seiner Konsistenz ist es, wenn man es zerschlägt, denn gewonnen und transportiert wird es zunächst in großen Blöcken, fein und krümelig. Grobe Kristalle, wie man sie bei Salzen findet, die in Feldern an den Küsten gewonnen werden, etwa in Errion oder auf Irias, finden sich hier nicht. Ferner besitzt es, ebenfalls anders als gewöhnliche Salze, eine gewisse Schwere, sowie einen Eigengeschmack, den manche als leicht metallisch beschreiben. Andere indes vergleichen ihn sogar mit dem Geschmack von Blut, insbesondere dem, welches frisch aus einer Wunde austritt.

 Geschichte

Als Ástan der Alte, der erste König im Norden, in jenen ersten der Hellen Tagen, die auf das Dunkle Alter folgten, mit seiner Streit­macht die wilden Völker des Winters aus seinem neuen Reich vertrieb, gelangte er an den Askensee. An dessen Ostufer, zu Füßen des Nídisberges, fand er die Heimstätte der Aínar; des letzten überlebenden Stammes, zu dem sich alle anderen geflohen hatten, und der über mächtige und böse Zauber ver­fügte, welche sie durch ihre Runen wirkten.

Ástan aber, ungeachtet der Schrecken, womit sich die Aínar umgaben, belagerte sie und besiegte sie am Ende, vertrieb sie in die Leere der Länder hinter dem Nídis. Anschließend, so heißt es, erbaute er die Festung Nídisgard auf einer schmalen Insel am Ostufer und richtete hier eine Wache ein, die die Grenze seines Reiches schützen sollte.

Jahrhunderte später, als man die bösen Zauber der Aínar endlich vergangen und verblasst glaubte, und sie schon fast vergessen waren, ließen sich Menschen auch am West­ufer des Askensees nieder und gründeten dort die Stadt Salísfell. Damals wurden die Hinterlas­senschaften der Aínar erkundet: Man stieß auf Kammern und grob gehauene Gänge, die tief in den Berg Nídis hineinführten und entdeckte, dass sich Adern aus Salz durch das dunkle Gestein zogen, die so schwarz wie sternlose Nacht waren, und dass ebenjenes Salz, zerstoßen und fein zermahlen und zu sich ge­nommen, eine wohltuende Wirkung entfaltete. Erstmalige Erwähnung in Briefen fanden diese Entdeckungen wohl in etwa in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts n. L.; es sind Abschriften jener Briefe, durch die sich das Salz des Nídis auch erstmalig in den Berichten der Magister wiederfindet.

Kunde darüber gelangte nach Istansgard und dort auch an die großen Handelsfamilien und so wurde auf deren Betreiben hin alsbald mit dem Abbau des Salzes und dem Handel begonnen. Die Festungsinsel von Nídisgard, einst ein bloßer Wachposten, wandelte sich zum Sitz einer bedeutenden Unternehmung. Dies trug sich zu unter der Herrschaft von König Ethelstan und in den kommenden Jahrhunderten sollte das Nídissalz den Grundstein für den Reichtum des Nordens bilden.

Zwischen dem Norden und den Ländern des Südens bestand in jenen Jahren ein reger Warenaustausch; beliebte Handelsgüter aus dem Norden waren (und sind es heute immer noch) die Pelze, Felle und Häute der großen Tiere, Fett und Tran, Holz und Bernstein, borrysche Lakritze und yrisches Wasser, aber auch Walrossstoßzähne und sturmfeste Schiffe aus den Werften von Norínsfell. Seltener wurden auch Metalle, Erze und Eisen gehandelt, noch seltener Runen und Zauber­sprüche der Aínar – wobei deren Wirksamkeit allerdings nur mäßig und noch weniger belegt ist. Am begehrtesten aber wurde rasch und blieb – damals wie heute – das samtschwarze Salz des Nídis.

Der Handel nach Süden verlief zunächst sowohl über die Westlichen Küsten des Großkontinents (ab dem fünften Jahrhundert n. L. so etwa auch über den Hafen von Santísmer) als auch über die Flusslande von Nuonn, das Binnenmeer und die zunehmend als Hauptstadt des expandierenden Reiches an Bedeutung gewinnende Stadt Líohim. Rasch breiteten sich Gerüchte und Berichte über die Wirkungen aus, die der Konsum des seltenen und im Süden nie gesehenen Schwarzes bringen sollte, was bei den Prinzen des Südens Begehrlichkeiten weckte; anhaltende solche insbesondere in den Ländern östlich des Flusses Nîs; in Pheleos, der Ruinenstadt Yogsos und Ophys, insbesondere aber in Eolothos, sowie unter den Kriegern von Khar-Kis und Kunda.

Dem Nídissalz kam dadurch ebenso eine Schlüsselrolle in den Expansionskriegen des H. E. R. im vierten und fünften Jahrhundert n. L. zu. Es heißt, dass einige Prinzen des Südens ihre Hoffnungen auf einen erfolgreichen Widerstand gegen die Truppen Líohims, die in jenen Tagen gegen die freien Länder aufmarschierten, um sie in den Reichsbund einzunehmen, alleinig auf das Salz und seinen angeblich lebensverlängernden Eigenschaften bauten.
Fürst Tusha von Alianor etwa gab sein ganzes Vermögen in das Salz auf, im Versuch, die Kampfkraft seines Heeres zu stärken, doch vergeblich; dadurch geriet er in Bankrott und sein Kampf gegen Líohim in eine solche Schieflage, dass es nach seinem Tode auch seinen Nachkommen nicht mehr gelang, sich zu behaupten.
Die Silberkönige von Numis versuchten zunächst, ihren Reichtum zu mehren und einen strategischen Vorteil zu schaffen, indem sie sich am Salzhandel beteiligten und so diplomatische Beziehungen zum Hochkönig im Norden aufbauten. Botschafter wurden zwischen ihrem Hof und dem des Nordens ausgetauscht, bis in die ersten Jahre des Ersten Numischen Krieges (721-723), danach wurde es ihnen durch den Vertrag mit Líohim untersagt; der zweite Numische Krieg (739-745) rieb sie endgültig auf und die Stadt verfiel im Jahr 755 n. L.
Bei der Unterwerfung der Stadt Eolothos im Osten spielte das schwarze Salz ebenso eine wichtige Rolle, denn für ihre Träumer war es im sechsten Jahrhundert von solch immenser Bedeutung geworden, dass sie ohne nicht mehr in der Lage waren, ihre hellsichtigen Träume zu erhalten. Eine Unterbindung des Salzhandels zur Stadt durch die Truppen des H. E. R. unter Großprinz Selíos genügte, um sie zum Eintritt in den Reichsbund zu bewegen.

Mehrmals erwies sich das Nídissalz in jenen Tagen also als Schwäche, wo man zuvor Hoffnungen glaubte, doch tat dies dem Begehren nach dem kostbaren Schwarz keinen Abbruch. Der Handel überstand die Jahre der Expansionskriege und florierte (was im Süden den Machtanwuchs der zentral gelegenen Handelsstädte von Kharras, Mohns und Pont zur Folge hatte).

Die enormen Summen an Gold und Silber, die der Handel mit dem Süden den Handelsfamilien des Nordens einbrachte, verblieben jedoch nicht lange bei diesen Familien. In den Augen der Hochkönige wurden sie zu reich und zu machtvoll, weswegen es im Jahr 699 n. L. unter Aelestan zum Erlass der Salzgesetze kam und mit ihnen zur ersten dokumentierten Erhebung der Salzsteuer. Dadurch ging ein Großteil der Einnahmen an die Hochkönige über, was jedoch den Groll der Handelsfamilien erregen und auf lange Sicht noch für Konflikte sorgen würde. Zugleich wurde im Norden der Konsum des Schwarzen Salzes für das gemeine Volk verboten; ein Erlass, dessen tatsächlicher Sinn streitbar ist, denn leisten konnte es sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin niemand mehr, der nicht aus einer der Großen Familien oder dem Königshaus selbst stammte.

Im achten Jahrhundert herrschte unter dem nun eingetretenen Reichsfrieden noch eine Zeitlang friedfertiger Handel, im darauffolgenden jedoch ereigneten sich die mehrfaltigen Krisen des Neunten Jahrhunderts, welche sich auch auf den Salzhandel auswirkten:
Zum einen kamen die Westlichen Handelsrouten durch den Verfall der Alten Westkönige Errions im Jahr 850 n. L. zum Erliegen. Ohne ihren Schutz konnte die See nicht mehr gesichert werden und es kam zu Überfällen, sowohl durch Angreifer aus dem Kupfermeer im Süden, wie auch durch solche aus dem Norden, die von der verwaisten Klippenfeste Nír Varelluín aus agierten. Gleichzeitig war auch das Arnische Meer nach wie vor von jenen Unruhen geplagt, die auf den Niedergang des Silberkönigreiches zurückgingen.
Zum anderen wurde im Vorlauf der sich abzeichnenden Reichsteilung (844-1011) der Handel über Líohim und das Binnenmeer durch ein Dekret von Großkurprinz Illíhenys im Jahr 841 n. L. untersagt. Er folgte hierbei dem Drängen der Priesterschaft der Fünfheit, welche in dem Schwarz des Nidis eine ketzerische Substanz sahen, die den Glauben verhöhnt; nicht zuletzt unterstrichen durch die Verwendung des Salzes durch die Träumer und Deuter im Osten, welche sich noch immer dem Glauben an die Fünfheit verweigerten. Zudem stellte das Salz durch seine Schwärze das Gegenstück des Lichts der Fünf dar. Als dann auch noch Illíos der Irre dem Wahnsinn verfiel, nachdem ihn damals am Hofe in Líohim lebende Mündel aus dem Norden zu übermäßigem Verzehr des Schwarzen Salzes rieten, wodurch er letztlich auf so grässliche Weise zu Tode kam, fanden die Priesterschaft wie auch der Hofstaat darin die Bestätigung ihrer Annahmen und rieten den jungen Prinzen Illíhenys zu seinem Dekret.

Dieses jedoch hatte nur die Schwächung Líohims und eine weitere Spaltung des Reiches zur Folge, denn der Salzhandel stellte den Quell beträchtlicher Einkünfte dar, welche fortan fehlen sollten. Außerdem erweckte dies – zusammen mit den Vorwürfen, seine Mündel hätten den letzten Kaiser aus Líhenors Linie dem Wahn und dem Tode zugeführt – den Unmut der Hochkönige des Nordens.

Im Jahr 844 n. L. kam es letztlich in Summe aller Unruhen zur Reichsteilung unter den Generalkönigen Mereos, der mit Illíhenys an seiner Seite von Líohim aus den Westen regieren sollte, und Constynis, der sich in die Südlande zurückzog, um den Osten zu verwalten. Es war Constynis, der sich von seiner neuen Hauptstadt aus mit den Handelsstädten Kharras, Mohns und Pont verband, die durch den Salzhandel zu Macht und Einfluss gekommen waren, denen die Unruhen im Reich nun aber schadeten und welche die Einkünfte aus dem Salzhandel vermissten.

In den Jahren der Reichsteilung, in denen wenig bis kein Nídissalz nach Süden gelangte, wurde in Cominos auf den Tinteninseln gefälschtes Salz hergestellt, indem man gewöhnliches Meersalz mit Tinte schwärzte. Dies flog jedoch bald auf und der Meister von Cominos starb; ermordet durch Gift, welches ihm von Abgesandten von Eolothos eingeflößt worden sei, heißt es.

Die Handelsstädte von Kharras, Mohns und Pont indes schmiedeten in Koalition mit Constynis und seinen Nachfolgern, die ebenfalls von der Stadt Constynus aus regierten, eigene Pläne. Die Handelsstädte hatten vor der Reichsteilung mit hohen Steuern Líohims zu kämpfen gehabt. (Diese hatten sie zuvor an die Käufer weitergegeben, was den Preis weiter erhöhte und den Unmut der Hohen Häuser gegen den Weißen Thron Líohims anschürte.) Vor der Reichsteilung hatten sich die Handelsstädte daher bereits einmal gezwungen gesehen, die Stadt Pheleos den ganzen Winter von 839 lang zu belagern, da der damals regierende Kindkönig Uya sich weigerte, die so gestiegenen Preise zu bezahlen. Nun, mit der Unterstützung von Constynus, dessen Kriegsflotte sie mitfinanzierten, waren die Handelsstädte in der Lage, solche Maßnahmen weiter zu verschärfen. Von 851-883 kam es deswegen zu den Südlichen Salzkriegen: eine langanhaltende Abfolge von Konflikten, in deren Verlauf Pheleos ein zweites Mal belagert, sein Kindkönig Keya der Kleine gefangen und die Küsten von Théros versengt wurden; auch kam es hierbei zur Gefangennahme von Eolothos. Zugleich kam es zu bewaffneten Vorstößen der Reitervölker aus dem Osten auf Händler, die auf den Straßen zwischen Eolothos und den Reiherlanden verkehrten. Diese wurden von den Fürsten von Alianor zurückgedrängt, welche sich dadurch die Freundschaft der Handelsstädte – und bessere Preise für das Salz – erhofften. Eine Hoffnung, die allerdings enttäuscht wurde und im Jahr 876 beinahe zu einer Schlacht geführt hätte, wenn Constynus nicht in letzter Sekunde den Handelsstädten hierbei ihre Unterstützung versagt hätte. Die Unruhen der Reichsteilung hielten auch nach dem Verebben der offenen Kriege noch mehrere Jahrhunderte an, bis sich in Gestalt des Prinzen Darys im Jahr 1007 n. L. eine Möglichkeit auf dauerhaften Frieden eröffnen sollte.

Währenddessen war jedoch auch im Norden der lange glimmende Groll der Handelsfamilien auf den Hochkönig zu einem offenen Krieg entbrannt, den Nördlichen Salzkriegen. Die Handelsfamilien von Istansgard hatten sich zu einem Bund zusammengeschlossen, dem Salzbund, um ihre Tätigkeiten besser verwalten und dem König gegenüber geeinigt auftreten zu können. Als der Handel mit dem Süden abbrach, forderten sie vom König ein Eingreifen, um die Routen im Westen wieder zu sichern und Líohim zu zwingen, den Handel wieder zu gestatten. Als dies nicht geschah, und er zudem die Salzsteuer nicht verringerte, drohte dem Salzbund das Ende, sodass sie sich offen gegen den König wandten. Der König indes schlug diese Aufstände nieder, woraufhin sich der Salzbund an den Nídis wandte. Einige Jahre schwelte offene Feindseligkeit zwischen dem Thron und dem Salzbund. Die Insel Nídisgard wurde in den Jahren 846, 847 und 888 belagert, doch der Winter zwang die Belagerung jedes Mal zum Abbruch. Zuletzt drohte der Salzbund damit, die Stadt Istansgard abzuschneiden, indem sie den Handel gänzlich anhielten. Erst dann lenkte der Hochkönig ein und man ging ein Bündnis ein, um sich nach Süden zu wenden, wo man sich auf den Ursprung des Unmuts einigte: die Handelsstädte.
Es wurden Kriegsschiffe entsandt, die Klippenfestung von Nír Varelluín befestigt und Ausfälle auf alle Schiffe unternommen, die unter dem Banner einer der Handelsstädte in den Häfen vor Anker liegend verblieben waren. Auch Errion und insbesondere Santísmer wurden dabei versehrt; die Westlichen Küstenlanden befanden sich in diesen Jahren doch noch immer in den unsteten Zeiten unter den Herrschaften der Flickenkönige. Der Salzbund hoffte, die Handelsstädte dadurch zu schwächen und so ihre Gewalt über den Handel zu brechen; da das H. E. R. in diesen Tagen geteilt und geschwächt war und Líohim durch das Dekret von Illíhenys ohnehin keinen Gefallen mehr am Salz bekundet hatte, glaubten sie, nichts zu befürchten. Könnten sie die Handelsstädte ausschalten oder übernehmen, hätten sie die alleinige Macht über den Salzhandel; und damit hätte auch der Hochkönig eine Machtposition im Süden, und das H. E. R. – oder seine Scherben – in eine Zange genommen. Dies war das Interesse der Hochkönige Eystan und Ástans des Fünften, die in jenen Tagen im Norden herrschten, und noch jenes: Ihnen war daran gelegen, das H. E. R. geteilt und geschwächt zu halten und das Salz war der Keil, den der Hochkönig immer weiter zwischen Ost und West zu treiben versuchte. (Während der Expansionskriege hatte nämlich auch der Norden zu fürchten beginnen müssen, dass das H. E. R. es dereinst auch auf seine Ländereien absehen könnte.)

Bevor die Pläne von Istansgard und dem Salzbund fruchten konnten, installierten jedoch die Handelsstädte in Koalition mit Constynus am Mittwintersmorgen des Jahres 1011 n. L. den Prinzen Darys aus den Rhúnenlanden nach einer vierjährigen Belagerung von Líohim auf dem Thron der Großkaiser. Durch ihn und die ihm nachfolgende Dynastie konnte das H. E. R. in seiner alten Größe wiederhergestellt und eine Erneuerung des Reichsfriedens erreicht werden. In der Folgezeit wurde auch Errion in den Reichsbund geholt.  

Auch der Handel wurde wieder aufgenommen und die Handelsstädte bekamen nun ihre Freiheiten innerhalb des Reichsbundes zugestellt, wodurch ihre Macht nur noch weiter wuchs. Zugleich wurde 1021 n. L. mit dem Norden ein Handelsvertrag geschlossen, der den Frieden auch dorthingehend sichern sollte. Der Salzbund weigerte sich dem zunächst, doch der Hochkönig unterzeichnete dieses Abkommen. Der Handel mit dem Nídissalz florierte einmal mehr für die nächsten siebenhundert Jahre, mit wenigen Ausnahmen ungetrübt.

Dass nun allerdings das H. E. R. nicht nur wieder erstarkt und noch weiter gewachsen war, sondern sich nun auch noch so direkt in die Geschäfte mit dem Salz einmischte, missfiel insgeheim sowohl dem Hochkönig als auch dem Salzbund. Zunächst jedoch flammten nun die Feindseligkeiten zwischen diesen beiden wieder auf: wieder kam es zu Zahlungsausfällen der Salzsteuer und zu Drohungen, Istansgard abzuschneiden. Diese Fehde, die nun schon seit mehreren Jahrhunderten die Politik des Nordens zerrüttete, fand erst in der Hochzeit des Schwarzen Salzes im Frühjahr 1099 n. L. ein Ende, bei der der Hochkönig Haukirstan vorgab, seine Tochter an den ältesten Sohn zu vermählen, den der Salzbund ihm stelle. Bei der Hochzeit selbst jedoch wurden alle anwesenden Mitglieder der Familien durch die Soldaten des Hochkönigs ermordet, was zu einem entsetzlichen Gemetzel führte; der Boden war von Salz bedeckt, das getränkt und angeschwollen war von Blut. Im Anschluss wurde der Salzbund aufgelöst und der Handel direkt an den Königsthron gebunden. Dieses Ereignis, sowie es bekannt wurde, hatte zur Folge, dass die Hochkönige im Norden ihr Ansehen auf dem gesamten Großkontinent verloren und die diplomatischen Beziehungen zwischen Istansgard und Líohim einmal mehr angespannt wurden.

Diese Spannungen ließen auch über die kommenden Jahre nicht nach, in denen sich der Norden immer mehr zurückzuziehen begann, und mündeten letztlich in den Großen Reichskrieg (1695-1772 n. L.), während dessen Dauer der Handel mit dem Salz einmal mehr zum Erliegen kam.

Nach dem Ende des Krieges durch das Friedensabkommen von Brahí wurde der Handel wieder aufgenommen und ist seither wieder ungebrochen; denn die Begehrlichkeiten des kostbaren Schwarz gelten nach wie vor und die Hochkönige von Istansgard, die nach Rúrion herrschten und denen die Minen hohe Einkünfte sicherten, haben großes Interesse daran, dass die Förderung nicht abbricht. Rückblickend lässt sich sagen, dass der Ausspruch, das Nídissalz sei die einzige Substanz der Welt, von der ein Körnchen eine Krone aufzuwiegen vermag, und dass es seit jeher sowohl in Blut als auch Gold aufgewogen wird, durchaus der Wahrheit entspricht.

 

Gewinnung und Handelsrouten

Gewonnen wird es, wie bereits angeführt, einzig in den Minen des Nídis, die am Askensee liegen, im Freien Hochkönigreich des Nordens, und die dem Thron von Istansgard und den Königen dort in direkter Verwaltung unterstehen. Im Jahre 1877 n. L. arbeiten etwa fünfhundert Mann in den Minen; sowohl freie Männer, wie auch solche, die an­dernorts wegen Verbrechen verurteilt worden waren und die Schufterei in den Minen einer anderweitigen Strafe vorgezogen hatten. Den Männern ist es untersagt, das Salz zu sich zu nehmen, gänzlich vermeiden lässt es sich allerdings gewiss nicht.

Von Nídisgard aus wird das Salz über lange Züge, von Naryselchen gezogen, über Umenflekk nach Istansgard gebracht, von dort aus weiter nach Norínsfell und über den Seeweg in die Handelshäfen des H. E. R.; jene, die vor den Freien Handelsstädten gelegen sind – also Santísmer, Hoelshafen oder Ederas, dürfen sie zwar anlegen, doch nicht handeln, so will es der Handelsvertrag von 1021. Erst ab den Häfen von Kharras, Mohns und Pont ist der Verkauf gestattet, und auch dann nur mit einer Lizenz, die von diesen Städten ausgestellt werden muss.

Auf den Reisen wird das Salz stets bewacht; hierfür werden von den Freien Handelsstädten eigens ausgebildete und gerüstete Wachen bereitgestellt. Wenn das Salz in den Zwischenhäfen ist, wird es in Speichern verwahrt, die in gleicher Weise den Handelsstädten gehören und bewacht werden. In den Freien Handelsstädten wird das Salz in eigenen Banken verwahrt, deren genaue Sicherheitsvorkehrungen strengstens geheim gehalten werden.

Der Konsum im H. E. R. ist gestattet, der Handel im Reich überwacht. In Líohim selbst ist das Salz jedoch noch immer nicht erlaubt, die Substanz darf die Weißen Mauern nicht passieren.

 

Verwendung und Bedeutung

Das Nídissalz wird aufgrund seiner Kostbarkeit seit jeher nicht verwandt, wie man es mit gewöhnlichem Salz tut. Weder wird es zur Haltbarmachung noch zur Zubereitung von Speisen genommen, es sei denn in den seltensten Fällen und an den wohlhabendsten Höfen. Für diejenigen, die es sich leisten können, die Hohen Häuser und die reichen Händler, ist es ein Statussymbol und wird an aufgebahrt in Schälchen aus Silber oder reinem weißen Marmor präsentiert, so etwa am Hof des Fürsten von Alianor; in Alianor hat sich auch ein besonderer Brauch erhalten: in der Neujahrsnacht wird ein Gericht gereicht, welches aus rohem Fisch besteht, der einen Mond zuvor in schwarzem Salz eingelegt wurde, dazu Brot, welches mit schwarzem Salz gebacken und Eier, die ebenfalls mit schwarzem Salz präpariert wurden. Auch wird in diesen Landen gern Honig mit schwarzem Salz versetzt als besondere Speise gereicht.

Im Jahr 1877 n. L. erfreut es sich vor allem in den östlichen Ländereien des H. E. R. an Beliebtheit. In Errion wird es von den Herzögen Santísmers nicht mehr bezogen, wohl aber von verschiedenen Fürstenhäusern von Arnis – eingenommen des Königshauses von Brevis. Hier wird es vor allem zu den Königskrönungen in Form von kleinen Kuchen gereicht, die nur zu diesem Anlass gebacken werden dürfen. Auch wurde es im Jahre 1471 n. L. zur Hochzeit des arnischen Kronprinzen Lethás mit der Tochter des Großkaisers Valentynians des Ersten (nach auch dem die Stadt Lethís umbenannt wurde), der Prinzessin Elenía, schwarzes Salz im Wert von angeblich 50 weißen Reichs-Solidi als Hochzeitsgeschenk für den Kaiserthron gegeben; eine Summe, die von den Magistern angezweifelt wird, und ein Akt, der dem arnischen Königshaus nicht gut bekam, verstieß es doch gegen das Gebot der Fünfheit, mit der ketzerischen Substanz umzugehen. Liohim nahm das Geschenk dennoch an; dies wurde damals als ein Versagen den Glauben gegenüber gedeutet und als deutliche Annäherung an die Freien Handelsstädte.

In Hoeghain ist der Handel seit dem Zweikönigskrieg versiegt, nur die Ziqqurat des Rosensteins bezieht noch geringe Mengen des kostbaren Schwarzes; die Händler fahren hierfür flussaufwärts und betreiben stillen Handel, indem sie die vereinbarte Menge vor den Toren des Rosensteins ablegen, ehe sie nach Hoeghain weiterfahren. Erst bei ihrer Rückfahrt flussabwärts nehmen sie den ausgemachten Preis in gleicher Art – vor den Toren der Ziqqurat abgelegt – entgegen. Wofür die Priester des Rosensteins das Salz gebrauchen, ist nicht bekannt, wie so vieles, was hinter ihren immer verschlossenen Toren geschieht.

Am meisten wird es dieser Tage von den Träumern von Eolothos bezogen, von denen es heißt, dass sie es dazu verwenden, um ihre hellsichtigen Träume herbeizuführen. Woher die Stadt die Unsummen an Gold bezieht, die dies kostet, ist nicht bekannt.

Von den Reitervölkern von Yavanna sagt man, sie benutzen das Salz bei Begräbnissen ihrer Fürsten sowie als Opfergabe an die Gottheiten von Sterne und Steppe.

Zudem wird dem Salz nachgesagt, es habe einst die Bezähmung der Drachen ermöglicht; dies wird jedoch von den Magistern angezweifelt, ebenso wie die Existenz jener Wesen selbst.

Weitere Wirkungen sind nur vage und nur bei manchen Menschen bekannt – so etwa unter Sängern, Dichter, Poeten, Bildhauer, Maler, Architekten und Künstlern aller Art, sowie auch allen, die feinfühlig sind im Geiste –, gehen jedoch weit über das Begreifliche oder Benennbare hinaus und finden sich zudem in keinen der bekannten, zugänglichen Schriften der Magister.

Die Magister selbst indes haben das Salz des Nídis natürlich eingehenden Studien unterzogen. Sie konnten dabei jedoch nichts über die Ursachen jener bewusstseinserweiternden, teils gar halluzinogenen Wirkungen herausfinden, ebenso konnten sie aber keinerlei Übereinstimmung mit allen anderen bekannten Salzen der Erde finden. Allerdings mussten sich ihre Untersuchungen auf das beschränken, was sie erhielten, denn Zugang zum Quell des Salzes – den Minen am Nídis selbst – wurde ihnen verwehrt; niemand, der nicht den Eid abgelegt hat, darf den Askensee dorthin überqueren. Auch wurde ihnen nie Einsicht in die Bücher und Chroniken der Festungsinsel gewährt. Und dies war noch, ehe die Magister im Herbst 1877 n. L. auf Geheiß Cirions des Dritten aus dem Hochkönigreich des Nordens verbannt und alle, die sich gegenwärtig dort aufhielten, festgesetzt wurden!
Einzig zu einem Schluss gelangten sie so: Nämlich, dass der Konsum des Salzes die Sinne verwirrt und den Geist stumpf macht, weswegen sie sich dem ebenfalls verschließen und damit – in unbeabsichtigter Weise – dieselbe Ansicht vertreten, wie es die Priesterschaft der Fünfheit tut, auch wenn sie sich ansonsten in nichts einig sind.

Zuletzt sei noch ein Hinweis angefügt: In den Sommermonden des Jahres 1877 n. L. scheint es, als ob alle, die das Salz konsumieren oder in Kontakt damit stehen, von seltsamen Visionen ereilt werden. Es häufen sich Berichte, die alle das gleiche zu beschrieben scheinen; in allen Stadtbüchern und den Aufzeichnungen der Nachtwachen, von Hoeghain, Kharras und Brevis bis jenseits von Líohim und hin nach Eolothos und Aelos im Osten. Überall finden sich Hinweise auf sonderbare Vorkommnisse; auf Alpträume, auf durchwachte Nächte und auf Menschen, die im Schlafe wandelten und seltsame, dunkle Dinge murmelten, an die sie sich bei Tagesanbruch niemand mehr erinnern, und die keiner deuten konnte. Die Orakel von Pont verheißen das Kommen eines großen Schattens, der den Stern von Líhenor verhüllen wird; die Sphinx von Ophys sah Sterne fallen, bis das Firmament nackt ist und nichts mehr ist zwischen der Erde und dem entrückten Schrecken jenseits des Kosmos, und unter den Minen des Nídis selbst scheint es, als ob sich etwas regt; ein Unheil, das seit den Zeiten Ástans des Alten wie in traumlosem Tode gelegen hatte.

 

Mehr über das Schwarze Salz, die Minen des Nídis und was dort vor sich geht, erfährst du in Das Schicksal der Fluchträger – Teil 1 & 2

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